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Einsatz-Trauma

Es gibt Einsätze, die einem lange Zeit (wenn nicht sogar für immer) in Erinnerung bleiben. Am vergangenen Freitag hatte ich einen solchen Einsatz. Auch drei Tage danach fällt es mir noch schwer, mich von den Gedanken zu lösen. Es war ein grauenvoller Einsatz. Ein Einsatz, der einem unglaubliches menschliches Leid vor Augen führt. Die Meldung der Leitstelle „männlich, 32 Jahre, Erkältung“ lies schon nichts Gutes erahnen. Auf Grund der bestehenden akuten Lebensgefahr und der hohen Letalität bei Männerschnupfen wurde neben einer normalen RTW-Besatzung und einem Notarzt direkt noch ein Intensivtransportfahrzeug zum Einsatzort delegiert… Nach einer Anfahrt mit Sondersignal war der Einsatzort in nur 4 Minuten erreicht. Vor Ort bot sich ein Bild des Grauens… Die Haustüre stand bereits offen und viele Menschen aus der Nachbarschaft und Familie haben sich vor dem Haus versammelt, sprachen Gebete und stellen Kerzen auf. Der Patient lag im ersten Stock auf einem Sofa. Um ihn herum viele benutzte Taschentücher, eine Schachtel Grippostat-C sowie eine angebrochene Flasche Wick MediNait. Die engsten Familienmitglieder standen um den Patienten herum und waren sichtlich schockiert und aufgelöst. Besonders die Ehefrau des 32-jährigen Patienten hatte mit der Situation zu kämpfen und war sichtlich überfordert. Da mir die dramatische Entwicklung eines Männerschnupfens bekannt war, bestellte ich bei der Leitstelle ein Team von Notfallseelsorgern nach, die sich sodann um die Angehörigen kümmern konnten.

Der Patient selbst war ansprechbar, klar bei Verstand. Er hatte eine leicht gerötete Nase, war etwas blass und verschnupft. Durch die Nase bekam er nur schlecht Luft. Vorerkrankungen gab es keine, der Patient war in gesundem und muskulösen EZ und Nichtraucher. In der Hand hielt er einen versiegelten Umschlag mit der Aufschrift „Mein letzter Wille“. Schon beim Betreten des Zimmers überreichte mir ein Angehöriger eine Patientenverfügung. Plötzlich fing der Patient an zu niesen, seine Frau kollabierte daraufhin. Die Rettungssanitäter kümmerten sich indes um die Ehefrau und brachten sie bis zum Eintreffen der Notfallseelsorge in ein anderes Zimmer. In solch dramatischen Notfallsituationen ist es besonders schwer den Überblick zu behalten und einen klaren Kopf zu bewahren. Trotz Intensivtransporter war der Patient keinesfalls bodengebunden transportfähig. Es stand also außer Frage, dass sofort ein Intensivtransporthubschrauber nachgefordert werden musste. Dieser traf auch recht zügig ein. Dennoch hatte ich ernste Zweifel daran, dass der Mann das Zielkrankenhaus noch lebend erreicht und informierte die Angehörigen über den Stand der Dinge und die weiteren Aussichten. Die Zielklinik wurde bereits informiert, ein Intensivbett sowie das Schockraum-Team waren auf die Ankunft des präfinalen Patienten vorbereitet. Begleitet wurde der Patient von zwei Notärzten in ständiger Reanimationsbereitschaft.

Bis zu Ankunft in der Zielklinik musste der Patient noch zweimal niesen, was seine Überlebenschancen weiter signifikant sinken ließ. Nach der Patientenübergabe an das Schockraum-Team meldete ich mich bei der Leitstelle für diesen Tag ab. Ich musste das ganze erst mal verarbeiten. Ich saß noch ganze zwei Stunden auf einer Bank vor der Klinik bevor ich mich fit genug für die Fahrt nach Hause fühlte. Abends telefonierte ich dann noch fast drei Stunden mit dem klinikinternen psychologischen Dienst. Auch den erfahrensten Notärzten gehen Einsätze mit verschnupften Männern immer sehr nahe.

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