Muss man wirklich immer kämpfen?

Jeder, der eine chronische und/oder schwere Krankheit hat, wird den Satz garantiert mehr als einmal gehört haben: „Kämpfe immer weiter!“. Doch ich frage mich: Muss man denn wirklich immer und endlos kämpfen? Muss man stets weiterkämpfen? Für die anderen? Für sich selbst? Eine Frage die nur jeder für sich selbst beantworten kann. Sehr oft findet man aber auch keine Antwort auf diese Frage.

Auch wenn es die Außenstehenden nur „gut meinen“ und einem Mut machen wollen, können sie sich in vielen Situationen nicht in den Betroffenen hinein versetzen. Gewisse Dinge, Handlungen und Gedanken kann man nur dann verstehen, wenn man selbst mal in einer solchen Situation war und selbst eine solche Zeit mitmachen musste. Natürlich kann man niemandem vorwerfen, dass er gewisse Gedankengänge nicht nachvollziehen kann. Dafür muss man wirklich gleiches durchlebt haben. Deswegen fällt es mitunter schwer, Verständnis von Dritten für bestimmte Situationen zu erfahren. Hat man ein Recht dazu dieses Verständnis einzufordern? Ich finde nicht. Es ist eine Wanderung auf einem schmalen Grad. Auf der einen Seite will man keinen Außenstehenden verletzen, auf der anderen Seite fühlt man sich nicht verstanden oder man stößt auf Unverständnis.

Besonders schnell stößt man auf Unverständnis, wenn man müde geworden ist. Damit ist nicht jene Müdigkeit á la „Ich habe zu wenig geschlafen!“ gemeint, sondern die Müdigkeit weiterzukämpfen. Diese Müdigkeit stellt sich auch nicht von heute auf morgen ein. Sie ist ein Prozess. Ein Prozess der ungewollt in der Vergangenheit begann. Dieser Prozess verläuft bei jedem mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.

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Zu kämpfen ist eine sehr persönliche Sache. Eine Sache, die man nicht mit Gewalt von jemanden einfordern darf. Tut man dies, handelt man in erster Linie seines selbst wegen und nicht im Sinne des Betroffenen. Gerade wenn man selbst kerngesund ist, fehlt einem oft das Verständnis, wenn der Betroffene so handelt wie er nunmal gerade handelt. Das sagt, was er gerade sagt. Die Gefühle zeigt, die er gerade zeigt. Jeder Mensch geht mit Schicksalsschlägen, schweren Situationen und lebensverändernden gesundheitlichen Nachrichten anders um. Jeder Mensch hat ein eigenes Bild von „kämpfen“. Dem einen fällt es leicht unermüdlich zu kämpfen, dem anderen fällt es sehr schwer. Der eine hat etwas in seinem Leben, für das es sich zu kämpfen lohnt – Ein anderer hat dies wiederum nicht. Jeder ist unterschiedlich stark. Jeder investiert unterschiedlich viel Kraft in seinen Kampf. Jedem steht dazu eine unterschiedliche Kraft zur Verfügung. Der eine will kämpfen, kann es aber nicht und der andere könnte kämpfen, will es aber nicht.

Was treibt einen selbst zum kämpfen an? Welche Situationen und Momente liefern die Kraft zum kämpfen? Welche Momente lassen dich hoffen, welche verzweifeln? Wann kommt der Moment, wo man seinen Kampfgeist verliert oder aufgibt? Haben andere das Recht, einen unermüdlichen Kampf von dir einzufordern? Helfen dir deine Angehörigen damit, wenn sie einen unermüdlichen Kampf einfordern? Gibt dir das Kraft und Mut oder setzt es dich in Wahrheit nur unter Druck und macht dich wütend? Es gibt sehr viele offene Fragen. Viele Fragen aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und Umständen. Fragen, auf die es zum Teil keine Antwort gibt. Keine richtige. Keine falsche. Hat man das Recht zu sagen „Ich will nicht mehr kämpfen!“?. Ist man dann ein Feigling? Ein Verlierer? Ein Egoist? Die Kraft um etwas zu kämpfen, für sich zu kämpfen, ist ein limitiertes Gut. Dem einen steht viel davon zur Verfügung, dem anderen nur sehr wenig. Dazu kommt die Frage, wie viel von diesem Gut man überhaupt abrufen möchte.

Man sollte sich auch die Frage stellen, ob man die Kraft, die man in einen Kampf investiert, an anderer Stelle nicht viel dringender gebraucht wird. Vielleicht dort, wo man sein Leben noch etwas genießen kann. Wo man frei sein kann. Die schönen Momente mitnehmen kann. Abends erschöpft zu sein, weil man all seine Kraft in die schönen Dinge des Lebens investiert hat. In Hobbys, in Freunde, in Liebe oder in Familie. Für manche Menschen, ist genau DAS Kampf. Sich die Zeit so zu gestalten wie man sie sich wünscht. Vor allem wenn man weiß, das man mit keiner Kraft dieser Welt seinen „Gegner“ besiegen kann – Vielleicht weil man genau weiß, dass es der Endgegner ist. Was man hingegen nicht weiß: Wann klopft dieser Endgegner an deine Tür? Ist es nach der ersten OP? Nach der 23. OP? In einem Monat? in fünf Jahren? Vielleicht ist es auch unwichtig, wann genau dieser Zeitpunkt ist. Vielleicht möchte man ihn gar nicht kennen. Jeder sollte den Weg gehen, den er für richtig hält. Den Weg, der einen erfüllt. Der einem richtig erscheint. Solche Wege bedeuten vielleicht, anderen weh zu tun. Andere fassungslos und traurig zu machen. Aber so ist nunmal dieser Weg. Nicht nur dieser. So ist jeder Weg. Auf dem einen liegen mehr Steine, gibt es tiefere Abgründe und steilere Klippen. Manche Wege sind weiter, manche kürzer.

Es ist nicht nur die Frage welchen Weg du nimmst, sondern auch wie du ihn gehst. Springst du lieber über viele kleine Steine und bist dadurch länger unterwegs oder setzt du deine ganze Kraft dafür ein, eine große Schlucht zu überwinden und früher am Ziel zu sein? Lohnt es sich Umwege zu nehmen? Lohnt es sich mitten auf dem Weg stehen zu bleiben? Manche Wege sind wie eine Einbahnstraße: Du kannst sie nur in eine Richtung gehen. Du kannst zwar stehenbleiben, aber nicht zurück gehen. Ist es manchmal nicht auch egal, wohin der Weg eigentlich führt? Muss man unbedingt wissen, was einen am Ende des Weges erwartet? Würde dieses Wissen zu einer falschen oder anderen Entscheidung führen? Manchmal sollte man einfach loslaufen und seine Gedanken ausschalten. Einfach über Bord werfen. Den Rucksack mit allen Lasten einfach auf dem Weg liegen lassen. Den Weg vielleicht ganz alleine gehen, weil du niemanden gefährden möchtest.

Und warum kämpfst du? Welchen Weg gehst du?

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